13.05.2016 – 17.06.2016 – “ART:ICH”

Der Kunstwissenschaftler Jean Clair plädierte bereits vor Jahren für einen Humanismus des Lokalen und sprach sich gegen die Globalisierung der Kunst unter dem Banner eines falsch verstandenen Multikulturalismus aus. Clair erinnerte an die Worte des Ethnologen Claude Lévi-Strauss: “Wo der Unterschied fehlt, droht Gewalt”. Die Kunst ist nicht (mehr) der alleinige Ort des Wissens, aber sie versucht sich mit Leidenschaft und Hingabe an der wichtigen Aufgabe, den Menschen, die Welt darzustellen. „Und genau dort beginnt die politische Verantwortung des Künstlers: von Angesicht zu Angesicht.“

Brandenburg an der Havel verfügt mit seiner vielfältigen wie aufregenden Künstlerszene über einen ganz besonderen Schatz. Bei aller Unterschiedlichkeit – gehorsam, epigonal, zahm, also artig/“artich“ ist keine(r) der hiesigen Künstlerinnen und Künstler. Selbstbewusst, eigenwillig, widerständig, verantwortungsvoll ist jede(r) von ihnen und kann, muss, darf für sich in Anspruch nehmen: Art:Ich! Individuelle Handschriften, klare Haltungen, vielschichtige Sichtweisen. Aus und in Brandenburg – und im Rest der Welt sowieso!

In der ersten Ausstellung 2016 präsentieren sich zwölf Brandenburger Künstlerinnen und Künstler mit auf- und anregenden Werken. Art:IchBrandenburg zeigt vielfältige ästhetische Stile, wirft mannigfaltige, immer phantasiereiche, noch mehr lustvolle Fragen auf und ist um komplexe, also (un)klare Antworten nicht verlegen. Sinnlich! Aufwühlend! Nachdenklich! Humorvoll!

Die Ausstellung stattbekannt, von Wulf Holtmann und Undine Damus-Holtmann 2015 im Stadtmuseum kuratiert, zeigte Brandenburg an der Havel „mit den Augen der Künstler der letzten 150 Jahre“ und bewies nachdrücklich, wie außergewöhnlich und vielgestaltig sich die Bildende Kunst in der Stadt über Dezennien entwickelt hat. Stadthistorisch bemerkenswert ist, dass spätestens seit dem 19. Jahrhundert neben den hier geborenen viele von j-w-d kommende Künstlerinnen und Künstler ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt „rund um Beetzsee und Dom“ suchten und fanden. Sie alle ließen sich von der Stadt faszinieren, beeinflussen und anregen und haben ihrerseits beeindruckende Spuren hinterlassen – und nicht nur künstlerische! Als Lehrer, Galerien- und Zeichenschulgründer, als Meister von Verwandlungen und Anführer von Stadtinterventionen, als (kultur-)politische Mentoren und Berater haben sie ihren Mitbürgern und Nachbarn Freude bereitet und Spiegel vorgehalten, Aufregungen zugemutet und Ideen vermittelt, unbequeme Fragen gestellt und ehrliche Antworten gegeben, kurz: der Stadt einfach gutgetan, Mehrwert und mehr Wert geschaffen und sich regelmäßig als überzeugende Botschafter bewiesen.

Und auch heute ist die städtische Künstlerszene wieder von einer Mixtur hier Geborener und Zugewanderter in feiner Weise geprägt. Sehr wahrscheinlich wissen diese Künstlerinnen und Künstler eine Stadt zu schätzen, die viel Zeit und noch mehr Raum zu bieten hat, in der es möglich ist, hektischen Beschleunigungen und sinnfreien Verdichtungen, die man in Metropolen nebenan umgehend erleben kann, mindestens auszuweichen. Vielleicht gerade deshalb werden hier Visionen entwickelt, die überzeugende Wege aufzeigen, mit dem „Heute“ umzugehen. Weil nicht aus jeder Stunde des Tages und jedem Quadratzentimeter der Stadt fatal Maximales herausgeholt werden muss, ist übrigens der Umgang der Künstlerinnen, Künstler untereinander so entspannt und respektvoll, auch der ästhetisch meilenweit entfernte Kollege wird nicht als Konkurrent oder Irrender sondern als Mitstreiter und Freund wahrgenommen und behandelt.

Art:Ich kann nur ein Anfang sein! Viele wunderbare Künstlerinnen und Künstler wirken heute in Brandenburg an der Havel. Das ist so ungewöhnlich wie auffällig. Zu schön wäre es, allen Kreativen sofort eine Plattform zu bieten. Doch auch eine derart großzügige Architektur wie die der Kunsthalle Brennabor nötigt Beschränkungen bei der Anzahl der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler ab. Eine Auswahl ist eine Auswahl ist eine Auswahl! Jetzt und sofort kann nicht das gesamte Spektrum des aktuellen künstlerischen Lebens in einer Ausstellung abgebildet werden. Diese Art:Ich markiert also den Beginn einer Serie, in kommenden Ausstellungen werden weitere hier lebende Artistinnen, Artisten der Malerei, der Bildhauerei, der Grafik und des Designs, der Keramik, der Fotografie, der Video- und Klangkunst vorgestellt.

Die Kunsthalle Brennabor, 2001 als Forum für „zeitgenössische, professionelle Kunst“ eröffnet, hat nach rund siebzig Ausstellungen mit Künstlerinnen, Künstlern aus nah und fern eine kurze Kreativpause eingelegt und erwacht nun mit Art:Ich zu neuem Leben. Die Chance, diesen magischen Ort noch intensiver zum

  • Labor von Farbe und Form,

  • Experimentierfeld für Struktur und Gestaltung,

  • Labyrinth von Klang und Bewegung,

  • Schaufenster einer lebendigen urbanen Kunstszene,

  • Gastraum für Vorbeiziehende und Fremde,

  • Treffpunkt für konstruktive Konflikte und heiteres Miteinander,

  • Ausgangspunkt für aufregende Stadtinterventionen,  

  • Ort des Anders-, Zusammen- und Hierseins,

  • Forum kultureller Vermittlung und ästhetischer Didaktik,

  • Spielplatz fröhlicher Stadtneurotiker und heiterer Landeier

zu entwickeln, ist nun greifbar nah. Und das verdankt die Stadt ganz wesentlich dem im vergangenen Jahr gegründeten „Freundeskreis der Kunsthalle Brennabor“. Mit Kreativität, noch mehr Arbeit, viel Mut und unbeirrbarem Optimismus engagieren sich sehr viele kunstsinnige Bürger, nachhaltig unterstützt vom Kulturbeirat wie vom Kulturmanagement der Stadt, für die Fortsetzung eines regelmäßigen Ausstellungsgeschehens.

Art:Ich im Dialog mit Art:Dir, positioniert, mitunter deplatziert im Art:Wir, werbend um Art:Euch!

Christian Kneisel

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Dieser kann in der Kunsthalle Brennabor erworben werden.

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